Ein Begriff, den alle ständig verwenden – nur definieren kann ihn kaum jemand eindeutig. Zeit also für eine klare, kompakte Einordnung.
Mittelstand: Irgendwas zwischen Familienbetrieb und Weltkonzern
Der Mittelstand steht für Pragmatismus, Verantwortung und eine Kultur, in der man einander kennt. Trotzdem existiert keine einzige verbindliche Definition. Stattdessen haben sich mehrere Sichtweisen etabliert, die alle ihre Berechtigung haben – je nachdem, ob man eher wissenschaftlich, politisch oder praktisch unterwegs ist.
1. Die qualitative Sicht des IfM Bonn
Wenn es um Mittelstandsforschung geht, führt am Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn kaum ein Weg vorbei.
Nach dem IfM gehört ein Unternehmen zum Mittelstand, wenn:
- bis zu zwei natürliche Personen oder Familien mindestens 50 Prozent der Anteile halten,
- und diese Personen gleichzeitig die Geschäftsführung stellen.
Damit fasst das IfM Begriffe wie Familienunternehmen, familiengeführt oder Eigentümerunternehmen praktisch zusammen.
Besonderheit: Die Größe spielt keine Rolle. Ein Weltmarktführer mit mehreren Tausend Mitarbeitenden kann Mittelstand sein – solange die Eigentümerinnen oder Eigentümer das Unternehmen führen.
2. Die zahlenbasierte Definition der EU
Auf europäischer Ebene gilt eine klare, quantitative Abgrenzung – die bekannte KMU-Definition. Sie wird gern als Näherung für den Mittelstand genutzt, auch wenn das streng genommen nicht deckungsgleich ist.
Laut EU-Kommission sind KMU Unternehmen mit:
- weniger als 250 Mitarbeitenden
- und höchstens 50 Mio. Euro Umsatz oder 43 Mio. Euro Bilanzsumme
Daraus entstehen drei Kategorien:
- Kleinstunternehmen
- kleine Unternehmen
- mittlere Unternehmen
Diese Definition nutzen u. a. Destatis, die KfW und zahlreiche Förderprogramme.
3. Die „etwas größere“ KMU-Definition des IfM Bonn
Das IfM arbeitet zusätzlich mit einer zweiten, rein quantitativen Definition für KMU. Und die fällt spürbar großzügiger aus als die EU-Variante.
Danach gehören zu KMU:
- Unternehmen mit unter 500 Mitarbeitenden
- und maximal 50 Mio. Euro Umsatz.
Damit gelten auch Unternehmen mit 250–499 Mitarbeitenden als mittelständisch, die nach EU-Logik schon zu den Großunternehmen zählen würden.
4. Was Politik, Verbände und IHKs meinen, wenn sie „Mittelstand“ sagen
Viele Institutionen nutzen den Begriff pragmatisch:
- Das Bundeswirtschaftsministerium koppelt Mittelstandspolitik meist direkt an KMU-Förderung.
- Die Bundeszentrale für politische Bildung setzt Mittelstand im Wirtschaftslexikon sogar weitgehend mit KMU gleich.
- Wirtschaftsverbände wie der BVMW betonen: Über 99 Prozent der deutschen Unternehmen sind KMU – und damit Mittelstand.
- Die IHKs, etwa Frankfurt am Main, greifen wiederum oft die qualitative IfM-Definition auf und stellen die Eigentümerführung in den Mittelpunkt.
Was heißt das nun ganz konkret?
Welche Firmen zum Mittelstand zählen, hängt stark vom gewählten Blickwinkel ab:
1. IfM-Mittelstand (qualitativ):
Mittelstand = familien- und eigentümergeführte Unternehmen, unabhängig von Größe.
2. EU-KMU (quantitativ):
Mittelstand = Unternehmen unter 250 Mitarbeitenden und ≤ 50 Mio. Euro Umsatz.
3. IfM-KMU (quantitativ erweitert):
Mittelstand = Unternehmen unter 500 Mitarbeitenden und ≤ 50 Mio. Euro Umsatz.
Alle drei Varianten werden genutzt – je nach Fragestellung, Statistik oder Förderlogik.
Fazit: Der Mittelstand ist vielfältiger, als viele vermuten
Ob 30, 300 oder 3.000 Mitarbeitende: Je nach Definition kann ein Unternehmen mitten im Mittelstand stehen oder schon längst darüber hinausgewachsen sein. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Größe, sondern oft die Struktur – und genau hier kommt die Praxis ins Spiel.
Meine persönliche Einordnung
Ich unterstütze Unternehmen zwischen 30 und 500 Mitarbeitenden – egal, wie sie offiziell eingeordnet werden. Und war als HR-Leiterin in deutlich größeren Unternehmen unterwegs, die trotzdem sehr mittelständisch tickten.
Für mich gibt es allerdings einen klaren Wendepunkt:
Sobald die HR-Organisation nach dem Dave-Ulrich-Modell zerteilt wird, die persönliche Betreuung verschwindet und das Vertragswesen in einem HR Service Center landet (womöglich in einem Niedriglohnland oder outgesourced), verliert HR sein Herz.
Dann geht es nicht mehr um Menschen, sondern um Prozesse. Und das ist nicht die Welt, in der ich arbeiten möchte.
Wenn Sie diese Ansicht teilen und HR-Unterstützung auf Zeit benötigen: ich bin nur einen Anruf entfernt!
Inken Schneider – TALENT PUZZLE
HR auf Zeit für den Mittelstand
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